|
MODERNE
Mehrzweckhallen dienen vielen Anwendungen - einen guten
Ruf als Veranstaltungsstätte für klassische Konzerte
haben sie daher nicht. Zu verschieden sind die Gegebenheiten,
die oft nicht einmal die weniger komplexen Anforderungen
von Pop- und Rock-Events befriedigen, von einem ausdrücklichen
Konzertsaal. Ungewöhnlich ist daher das Bestreben des
Betreibers der Preussag Arena Hannover, diese für das
anspruchsvolle Klassikpublikum zu öffnen.
PREUSSAG
ARENA
HANNOVER
Die typischen Probleme einer solch
großen Halle beginnen mit ihrem Volumen, die Preussag
Arena bietet 14.000 Sitzplätze und ein Volumen von rund
171.000 Kubikmetern. Hinzu kommen bei vielen Hallen
eine hohe, reflektierende Decke und harte Wandbegrenzungen,
deren akustische Störungen - wie genug
|
Beispiele
zeigen - im Nachhinein mit elektroakustischen Tricks
und Kniffen nicht in den Griff zu bekommen sind. Um
hier effektive Abhilfe zu schaffen, müssen von vornherein
aufwendige akustische Maßnahmen getroffen werden, will
man diese baulichen Ergänzungen nicht erst später (und
dann noch teurer) nachrüsten. Die Preussag Arena ist
einer der wenigen Fälle, in denen im Vorfeld angesichts
der Klassikambitionen ausreichende Überzeugungsarbeit
geleistet werden konnte, so dass sie einige Unterschiede
zu den üblichen dröhnenden Betonkuppeln aufweist. Schon
beim Betreten fällt das angenehme akustische Ambiente
auf. Dazu tragen gepolsterte (und nebenbei bequeme)
Sitze bei, die auch im hochgeklappten Zustand ihre Dämpfungseigenschaften
behalten, so dass der akustische Unterschied zwischen
leerer und vollbesetzter Halle gemildert wird. Weniger
offensichtlich ist, dass auch die Wände und die Decke
umfangreich akustisch behandelt wurden und
|
optimierend
wirken, was ein nicht geringes zusätzliches Budget erforderte.
Nicht nur von den baulichen Eigenschaften profitiert
der Besucher, sondern auch von deren besonderer personellen
Ausstattung. Statt dass nur ein Hallentechniker mit
Befugnis für die "Hausmeistertaste" zwischen Ansprüchen
von Künstlern und Besuchern einerseits und mangelnder
technischer Ausstattung andererseits aufgerieben wird,
gibt es in der Preussag Arena eine fest beheimatete
Filiale der in Sachen Beschallungs- und Lichttechnik
erfahrenen Unternehmensgruppe Sound Company, deren Stammsitz
sich in Gelsenkirchen befindet. Dieser technische Partner
der Preussag Arena garantiert eine flexible und qualifizierte
Betreuung der A/V- und Medientechnik. Eine besondere
Herausforderung stellte nun die Oper Tosca dar, während
der sich das Konzept zu bewähren hatte. Geschäftsführer
Frank Hano und Technischer Leiter Frank Benning von
der Sound
|
 |
Seitlich
und über der Bühne gehängte Reflektoren
(grau) versorgten Publikum und Musiker mit dem
gewohnten Schallfeld.
|
|
|
|
Company
waren dabei in Kooperation mit dem Theatro dell`opera
Roma, das mit nicht weniger als 65 eigenen Crewmitgliedern
und 270 Künstlern anrückte, für die komplette technische
Umsetzung verantwortlich. Inbegriffen waren neben der
Tontechnik die Theaterbeleuchtung, Rigging und Bühnenbau.
Auf Grund der großen Bühnenbilder wurden auf Basis des
Hallen-Pre-Riggs ein Pre- und Mainrigg installiert,
das einerseits einen klassischen Theaterschnürboden
bildete, aber auch die Ton- und Lichttechnik aufnahm.
AKUSTIK-KONZEPT
FÜR
DIE
OPER TOSCA
Eine qualitativ überzeugende Hallenakustik alleine reicht
nun aber noch nicht aus, eine authentische Opern-Atmosphäre
zu erzeugen, wie sie vom Publikum erwartet wird. Daher
wurde als akustischer Berater Ing. Adolf "Tucherl" Toegel
hinzugezogen, der sich seit Jahrzehnten nicht nur der
|
Beschallungstechnik
verschrieben, sondern sich insbesondere mit kniffligen
Klassikproduktionen einen Namen gemacht hat. So gehört
zu seinen "Standardproduktionen" die Open Air-Eröffnung
der Wiener Festwochen. Toegel verfolgte bei seinem Konzept
zwei Ziele: Die Erzeugung eines möglichst authentischen,
geschlossenen Direktschallfeldes sowie dessen behutsame
Fortführung durch Lautsprecher in den Raum. Eine direkte
Mikrofonierung aller Instrumente kam in diesem Fall
für ihn nicht in Frage, da sie nach seinen Erfahrungen
nie zu einem angenehmen, bei allen Dynamikstufen homogenen
Orchesterklang führen kann, sondern immer zu Schärfe
und Spitzen neigt, die sich auch am Pult - hier ein
48er Midas XL200 mit MIDI-Mute-Automation und zwei 40er
Midas XL3 - nicht mehr korrigieren lässt. Statt einer
Fülle von Einzelmikrofonen fanden sich daher auf der
Tosca-Bühne relativ wenige, zu Instrumentengruppen zusammengefasste
Kondensatormikrofone. Eingesetzt
|
wurden
von Schoeps CCM21, CCM4, CMC-MK4 und Sennheiser MKH60.
Auch die Sänger waren zwar einzeln mikrofoniert, indem
man sie mit Sennheiser-Taschensendern und B&K-Kapseln
4010 versah. Sie wurden aber noch durch einige Condenser
(u. a. Microtech Gefell KEM 970) an der Bühnenkante
derart unterstützt, dass sogar trotz einer zugeschminkten
Kapsel noch ein problemloser Betrieb möglich blieb,
wie die Erfahrung zeigte. Die Voraussetzung für ein
derartiges Konzept ist natürlich eine entsprechende
Auswahl und Positionierung der Lautsprecher, da sonst
die Gefahr von Rückkoppelungen besteht.
REFLEXION UND
DIFFUSION
Damit verbunden war nun eine zweite
akustische Maßnahme: Um auf der Bühne bereits ein befriedigendes
Klangfeld zu bilden, installierte Toegel eine Reihe
von Reflektoren/Diffusoren, die von dem Akustiker Dr.
Bernd Quiring
|
Das
Kardioid-Ebenen-Mikrofon Microtech
Gefell KEM 970 stützte von der Bühnenkante
die Solisten und bot neben seiner engen
Vertikalebene überzeugende Klangqualität.
|

|
"Es
geht nicht darum, dass man sich beweist,
sondern dass das Publikum einen tollen
Abend hat." (A."Tucherl" Toegel)
|

|
|
|
Die
internationale
Audio-Crew.

|
|
Über
vier Konsolen und das BSS Soundweb wurde der Klangkörper
von der Bühne auf die Renkus-Heinz Line-Arrays,
die Delays und die
Hallenlautsprecher verteilt.
|
|
konzipiert
worden waren. Diese Flächen wirkten gleichermaßen reflektierend
und streuend, so dass zwei Effekte eintraten: Einerseits
bekamen die Musiker auf der Bühne ein relativ vertrautes
Klangfeld, in dem sie sich und die Mitmusiker erkennen
konnten, ohne dass die Bühne mit zu vielen Monitoren überschwemmt
wurde (die dann wieder in die Mikrofone übersprechen würden
etc.). Andererseits transportierten diese gezielt gewölbten
Flächen den Klang von der Bühne in die Halle. Nicht unwichtig
ist dies alleine deshalb, weil bei Tosca teilweise hinter
der Bühne mehr Aktion stattzufinden scheint als auf der
Bühne: Manche Musiker arbeiten seitlich versteckt, und
ein ganzer Chor ist backstage unterzubringen. Bühnefläche,
Orchestergraben, Chorstufen und Hinterbühne umfassten
immerhin 460 Quadratmeter. Das Schallfeld der Reflektoren
wurde nun unterstützt durch die PA, deren Lautsprecher
teilweise direkt an der Kante der Reflektoren positioniert
waren, um deren Schallfeld fortzuführen. Zum Einsatz kamen
von Renkus-Heinz - die Sound Company ist R-H-Stützpunkt
- CE-3TMHA, CE-3TLO, CE-3TA, C2-Sub, MR-5A und SR121D.
|
INTEGRATION DER
HALLEN-LAUTSPRECHER
Die
Positionen der Lautsprecher dienten ebenfalls dem Zweck,
eine überzeugende Opernakustik nachzubilden. Neben den
erwähnten Strahlern direkt am oberen Reflektor, welche
nach unten den Nahbereich abdeckten, gab es als wichtigste
Quelle zwei vertikale Line-Arrays über der Bühne. Diese
waren etwas nach hinten versetzt, so dass einerseits
der sich unten davor befindende Reflektor das Übersprechen
auf die Bühne minderte, andererseits ergab sich für
die Zuhörer dadurch ein nicht ganz so steiler Winkel
nach oben; die akustische Ortung wurde also ein wenig
nach unten in Richtung Bühne gedrückt. Schließlich wurden
eine Delay-Line mit vier Renkus-Heinz CE-3TA sowie 16
der 50 im Raum verteilten Hallenlautsprecher (Renkus-Heinz)
genutzt, die Ränge abzudecken. Die restlichen Lautsprecher
der Halleninstallation wurden zur Raumhallsimulation
mittels eines Lexicon 960 im Surroundmode und zur Einspielung
mehrkanaliger Raumeffekte herangezogen. Die Ankopplung
der halleneigenen Media-Matrix an die vier mobil eingebrachten
BSS Soundweb 9088 war sicher ebenfalls nur möglich,
|
weil
umfangreiches Know-how über die installierte Halleninfrastruktur
vorhanden war. Nebenbei erlaubte das Soundweb den
Ingenieuren - nachdem das italienische Team einmal
überzeugt war - sehr schnell in das installierte feste
und mobile System einzugreifen. So konnte bei unserem
Besuch beispielsweise mit einem Mausklick das wirklich
sehr komplexe Routing komplett abgeschaltet werden,
um ein Störgeräusch zu orten (fündig wurde man übrigens
im Klimabereich). Auch das penible Einmessen der Anlage
durch Adolf Toegel mit MLS-Signalen sowie Unterstützung
von SMART wurde natürlich komfortabler. Das akustische
Ergebnis schließlich überzeugte sehr und rechtfertigte
die gefundene Lösung. Orchester und Sänger präsentierten
sich in einem sehr homogenen Gesamtklang, der sich
nur in den allerwenigsten Momenten und wohl auch nur
für den Fachmann als zusätzlich verstärkt zu erkennen
gab - und das System ist nicht nur leise im Hintergrund
mitgelaufen. Der Eindruck wurde auch vom Publikum
zum FOH-Platz übermittelt: "Wofür denn diese ganze
Technik - man hört doch nur die Musiker selbst?"
|
 |